Alles, was ein guter Film braucht, ist ein Mädchen und eine Knarre – und einen Regisseur, der sich weigert, Regeln einzuhalten. „Nouvelle Vague“ erzählt von den Dreharbeiten zu Jean-Luc Godards legendärem Erstling „Außer Atem“. Er verneigt sich dabei mit sichtbarer Freude vor dem anarchischen Geist der sechziger Jahre. Der Film ist Hommage und Making-of zugleich, historische Rekonstruktion und moderne Reflexion über das Kino selbst. Eingetaucht in den Qualm der Zigarren und Zigaretten ringen junge Filmschaffende mit ihrer Selbstfindung, ihren Träumen und den bitteren Realitäten des Filmbusiness. Linklaters Kameramann – er arbeitete mit Originalgeräten – lässt das Schwarz-Weiß flirren, als entstünde die Geschichte gerade neu.
Bernhard Bramlage für theo Magazin 2/2026
„Jean-Luc Godard und die Geburtsstunde des modernen Kinos“ für theo Magazin 2/2026
Entstanden ist ein Film, der Jean-Paul Belmondo und Jean Seberg atemlos durch Paris taumeln lässt: vibrierend, nervös, frei. Handkamera, Licht und die in das Straßengeschehen hineingeworfenen Schauspieler lassen eine Natürlichkeit entstehend, die es so vorher im Kino nie gab. Godard treibt seine Crew in den Wahnsinn – und Linklater zeigt das mit leisem Humor und großer Zärtlichkeit. Der Regisseur wirft Truffauts Drehbuch über Bord, flüstert einen Schauspielern Dialoge erst kurz vor dem Take zu und lässt den Dreh oft nach zwei Stunden abrupt enden. Aus dieser durchaus realen Unordnung entsteht das, was man später „die Geburt des modernen Kinos“ nennen wird, die Neue Welle.
Linklater greift all das auf, nicht als museale Geste, sondern als lebendiges Experiment. Die Kamera tanzt mit dem Zufall, Sprünge und Anschlussfehler werden zu rhythmischen Akzenten. Der Film imitiert nicht, er denkt weiter: Wie kann man heute noch so frei filmen, wenn längst alles schon einmal gebrochen wurde?
Aubry Dullin trägt als Belmondo dessen coole Lässigkeit, Zoey Deutch leuchtet in Sebergs fragiler Weiblichkeit. Beide sind den Originalen wie aus dem Gesicht geschnitten, allein Guillaume Marbeck als Godard ist diesem wenig ähnlich. Sein Spiel jedoch – in keiner Szene ohne Sonnenbrille – lässt uns sofort vergessen, dass es nicht Godard selbst ist, der als bislang unentdecktes Genie mit ausuferndem Selbstbewusstsein seinen Weg verfolgt. Linklater verzichtet auf Pathos, er zeigt den Alltag zwischen Genie und Erschöpfung, Proben, Kaffeepausen.
„Nouvelle Vague“ ermuntert, „Außer Atem“ noch einmal anzusehen. Und plötzlich erkennt man, was man bisher übersehen hatte: Passanten, die stehen bleiben, verwunderte Gesichter, das pulsierende Geräusch vom Paris des Jahres 1959. Linklaters Film gelingt es wunderbar, zu zeigen, wie Erneuerung entsteht – nicht aus Perfektion, sondern aus dem Mut zum Chaos.
Nouvelle Vogue, Frankreich 2025, 105 Minuten
Regie Richard Linklater
„Kirchgang“ für theo Magazin 2/2026
Fast vergessen vom Trubel der Gegenwart – die Kirche San Nicolò die Mendicoli in Venedig
Im Spätmittelalter und zu Beginn der Renaissance war Venedig eine der größten und mächtigsten Städte der Welt mit mehr als 150 Kirchen. Etliche von ihnen lassen noch heute die einstige Frömmigkeit der Venezianer erahnen.
Während viele dieser Sakralbauten im Zentrum von Besuchern aus aller Welt heimgesucht werden, liegen andere verborgen in den stilleren Vierteln der Stadt, fast vergessen vom Trubel der Gegenwart. Zu ihnen gehört die Kirche San Nicolo dei Mendicoli im westlichen Teil von Dorsoduro, einem Ort, der wie kaum ein anderer die leisen, ursprünglichen Seiten Venedigs bewahrt hat. Dorsoduro zählt heute noch rund 10.000 Einwohner. Auch hier gehen die Einwohnerzahlen, wie in ganz Venedig, seit Jahren zurück. Am dürsten Ende des Viertels liegt die kleine Kirche San Nicolo dei MendicoIi, die mit ihren Vorgängerbauten zu den ältesten der Stadt zahlt.
Seit vielen Jahren möchte ich sie sehen, ist sie doch unter anderem Schauplatz eines der bedeutendsten englischen Filme: „Don’t Look Now“ (Wenn die Gondeln Trauer tragen, 1973). Es ist später Vormittag im November, die Gassen sind hier einsam, wie leergefegt. Der Regisseur Nicolas Roeg beschrieb einst den Klang dieser Stadt: „In den Gassen herrscht eine besondere Akustik. Man hört jemanden kommen, derjenige biegt ab, aber man glaubt, ihn gleich zu treffen. Doch er ist verschwunden. Er ist weder hinter noch vor dir. Man kommt um die Ecke und niemand ist da. Das ist fantastisch. Es ist ein erstaunliches Klanglabyrinth.“
Genau so ergeht es mir. Kaum biege ich um eine Gassenecke, taucht eine kleine Gruppe Schwarzgekleideter auf. Auf einem Katafalk bewegen sie einen schlichten Sarg, untermalt vom Geläut der Kirche, die ich suche. Eine filmreife Szene einerseits, andererseits ein Moment gelebter Wirklichkeit in dieser seltsamen Stadt. Es gibt sie noch: echte Einheimische, Menschen, die hier leben und sterben und tief in ihre Geschichte eingebettet sind.
Ich folge dem Trauerzug in gebotenem Abstand, halte mich zurück. Zwei Biegungen weiter dann ein kleiner Seitenplatz, der an die Nordflanke von San Nicolo dei Mendicoli grenzt. Zahlreiche Trauergäste haben sich eingefunden. Soeben ziehen sie lieber das westseitige Paradies in den Kirchenraum ein. Ich bleibe zurück, unsicher, wie ich mit der Situation umgehen soll. Doch lieber einen Seiteneingang kann ich in das nördliche Seitenschiff gelangen. Dort verharre ich, eng an das Gemäuer geschmiegt. Der Pfarrer hat die Totenmesse pünktlich begonnen.
Nachmittags kehre ich noch einmal zurück. Nun ist die Kirche verwaist — eine schöne, romanische Basilika mit einem Haupt- und zwei Seitenschiffen. Baumeister gestalteten sie im Laufe der Jahrhunderte mehrfach um oder restaurierten sie. Im 15. Jahrhundert verpassten sie ihr auf der Nordseite ein kleines, reich verziertes Paradies, etwa 100 Jahre später dann vergoldete Holzstatuen im Innenraum – erstaunlich, mit welcher Kraft selbst in den ärmsten Vierteln der Stadt der Glaube gewirkt haben muss. Trotz ihrer bescheidenen Fassade präsentiert sich die Kirche innen reich geschmückt. Neben zahlreichen Gemälden der Veroneser Schule zeigt das Dekor eine großzügige Ausstattung mit Blattgold — nicht nur an Bilderrahmen, auch an den Bögen der Steinsäulen. Alles ist üppig, besonders bemerkenswert angesichts der einfachen Ursprünge der Gemeinschaft, die diese Kirche einst errichtet hat.
Ein Lettner aus Säulen trennt die Apsis vom Kirchenraum — ein Relikt aus vorkonziliarer Zeit, das womöglich nur deshalb erhalten blieb, weil die Gemeinde meist aus armen Fischern und Tagelöhnern bestand. In der Kirche werden die Reliquien des heiligen Niketas aufbewahrt. Die oberen Wandbereiche sind mit einem Zyklus von Gemälden aus dem Leben Jesu Christi ausgemalt, ebenfalls überwiegend Arbeiten der Veroneser Schule. Auch der dem Rio delle Terese zugewandte Campanile der Chiesa di San Nicolo dei Mendicoli stammt aus dem 12. Jahrhundert – errichtet in Ziegelbauweise im venezianisch-byzantinischen Stil. Uber die Namensgebung der Kirche wird bis heute gestritten: Einerseits soll die Bezeichnung auf eine kleine Insel zurückgehen, auf der der erste Kirchenbau entstand, andererseits konnte „Mendicoli“ von Bettlern oder Bettelmönchen herrühren.
Das verheerende Acqua alta (Venedigs Hochwasser) am 4. November 1966 beschädigte die Kirche stark – in den 1970er-Jahren wurde sie umfassend restauriert.
Goethe, der auf seiner italienischen Reise die Stadt besuchte, notierte: „Die Einsamkeit nach der ich oft so sehnsuchtsvoll geseufzt, kann ich nun recht genießen; denn nirgends fühlt man sich einsamer als im Gewimmel, wo man sich allen ganz unbekannt durchdrangt. In Venedig kennt mich vielleicht nur ein Mensch, und der wird mir nicht gleich begegnen.“ (J. W. v.Goethe – Italienische Reise).



