Mussolinis verlassene Dörfer auf Sizilien – Teil 2

Mussolinis verlassene Dörfer auf Sizilien –
Faschistischer Städtebau zwischen 1922 und 1943 am Beispiel der borghi rurale

 

Fürst Salina „Il Gattopardo“

„In Sizilien ist es nicht von Belang, richtig oder falsch zu handeln: die Sünde, die wir Sizilianer niemals verzeihen, ist schlicht und einfach die, überhaupt zu handeln“

Die in diesem Zitat enthaltene Darstellung steht im Einklang mit einer anderen, in Italien häufig zitierten Stelle im Roman, wo nämlich Don Fabrizios hochgeschätzter Neffe Tancredi Falconeri zu ihm sagt:

“Se vogliamo che tutto rimanga come è, bisogna che tutto cambi.”

„Wenn wir wollen, dass alles bleibt wie es ist, muss sich alles ändern.“

Roberto Alajmo: Ein Tag im Leben eines Automechanikers

„Es reicht, mit dem Suchen aufzuhören, und schon findet man nicht mehr. Und je öfter man nichts findet, desto weniger kommt einen die Lust an, zu suchen“

 

Auszug aus dem Buch von Paolo Nicoloso mit dem Titel: „Mussolini als Architekt“.

„In der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts hat kein Staat politisch und wirtschaftlich so intensiv in die öffentliche Architektur investiert wie das faschistisches Italien. Während der 1920er Jahre, vor allem aber in den 1930er Jahren, war die Produktion der italienischen Architektur enorm und übertraf die vieler anderer Nationen bei weitem. Aberhunderte von Werken der Architektur – Banken, Schulen, Regierungsgebäude, Postämter, Ministerien, Gerichtsgebäude, Bahnhöfe, nationale Opernhäuser, Paläste in der Provinz, Schwimmbäder, Büros, neue Städte und städtische Siedlungen wurden gebaut,  um die „Marke“ des Regimes überall im Land zu prägen“.

Ex novo wurden in Italien an die 150 Dörfer, Städte und Siedlungengeplant, gegründet und gebaut.

 

Architekten und faschistische Baukultur:

Vor allem Marcello Piacentini (1881–1960), das Haupt der „Scuola romana“, wuchs in die Rolle des „architetto del regime“ hinein, ähnlich wie einige Jahre später Albert Speer im „Dritten Reich“.

Er stand für eine Imponierarchitektur neoklassizistischer Ausrichtung, die der „Romanità“ huldigte und ganz im Zeichen des Kults um das antike Rom stand. Piacentini wurden nicht nur in der Kapitale Rom („Città universitaria“, „E 42“), sondern auch in Bergamo („Torre dei Caduti“), Brescia („Piazza della Vittoria“), Turin („Via Roma“), Mailand („Palazzo di Giustizia“), Neapel („Nuova sede del Banco di Napoli“), Reggio Calabria („Museo nazionale della Magna Grecia“), Genua („Arco della Vittoria“) und in Bozen („Monumento alla Vittoria“, „Città nuova“) repräsentative Bauvorhaben anvertraut.

Dank seiner Nähe zur Diktatur besetzte er nicht nur in der Architektenausbildung eine Schlüsselstellung, sondern auch in zahlreichen Wettbewerbsjurys und Gremien, die über öffentliche Auftragserteilungen entschieden.

 

Sechs Hauptmerkmale faschistischen Städtebaus und faschistischer Architektur Italiens:

Erstens: beispielloser Bauboom, auch in den Kolonien Libyen und Äthiopien

Symbolträchtig modernisiert wurde das italienische Straßennetz durch die ersten Teilstücke der „autostrade“, den ersten Autobahnen Europas überhaupt, die sich einer Initiative des Mailänder Unternehmers Piero Puricelli verdankten. Mit den Arbeiten für das erste Teilstück von Mailand nach Varese wurde im Juni 1923 begonnen; es wurde bereits am 20. September 1924, dem offiziellen Staatsfeiertag, dem Verkehr übergeben.

Zweitens: unauflösbare Dialektik von Zerstörung und megalomanem Neuentwurf

Was architektonisch störte oder aus ideologischen Gründen als wertlos galt, machte man rücksichtslos platt; was in faschistischer Perspektive als denkmalwürdig galt, hob man umgekehrt optisch hervor, etwa das Augustus-Mausoleum in Rom. Kulisse für Aufmärsche und Veranstaltungen.

von Piacentini: Via della Conciliazione

Drittens: ein umfangreiches Programm öffentlicher Bautätigkeit

Gleich zwei Ministerien zeichneten dafür verantwortlich: das alte Ministerium für öffentliche Arbeiten („lavori pubblici“) und vor allem das im Frühjahr 1924 geschaffene „Ministero delle comunicazioni“,

Bahnhöfe, Postämter, öffentliche Verkehrsmittel, Sportarenen, Stadien

Viertens: Begründung einer neuen „Agrikulturzivilisation“

Bauernschaft sollte als tragende Säule der Gesellschaft

Auswirkungen der forcierten Urbanisierung (im Norden) neutralisiert werden

„Italien, so forderte Mussolini, müsse ‚reagrarisiert‘ werden, auch wenn es Milliarden kostet und ein halbes Jahrhundert dauert“.

Fünftens: Architektur als Instrument nonverbaler Kommunikation

Selbstdarstellung des Regimes; expressive, stark an die römische Antike angelehnten Symbolik; Liktorenkult

einfachen Botschaften für den einfachen Mann auf der Straße 

Sechstens: konkreten bevölkerungs-, gesellschafts- und machtpolitischen Ziele

Binnenkolonisation

Konzentration von Menschen in den Großtädten verhindern

Millionen von armen Italienern eine Heimat auf neu gewonnenem Siedlungsland

Sizilien, Sardinien, der Toskana und Latium zwischen 1928 und 1940 gerade einmal 100.000 Menschen auf melioriertem Land angesiedelt

Seit 1925 Architektur neben Radio und Kino wirksamste Kommunikationsmittel der Massen

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