Mussolinis verlassene Dörfer auf Sizilien – Teil 1

Mussolinis verlassene Dörfer auf Sizilien –
Faschistischer Städtebau zwischen 1922 und 1943 am Beispiel der borghi rurale

GESCHICHTLICHER HINTERGRUND:

Auch dem flüchtigen Betrachter sollte schnell klar werden, dass es bei Mussolinis zentral gesteuerter Architektur- und Städtebaupolitik nicht um bloße Machtästhetik ging, sondern um ein Vehikel, Gesellschafts- und Sozialpolitik zu betreiben. In kaum einem Land der Welt wurde in dieser Zeit so viel gebaut wie in Italien. Rathäuser und Postämter, Bahnhöfe und Parteibüros, Schulen und Sitze der Korporationen – bis heute prägen sie, meist in ihrer ursprünglichen Funktion belassen, die Zentren der italienischen Städte – und eben auch teilweise des Landes.

In seiner Rede vom 26.5.1927 widmet sich Mussolini in Polemik der zerstörerischen Urbanisierung, die das Volk seiner Auffassung nach unfruchtbar mache. Um dem zu begegnen helfe er der Landwirtschaft. Nachdem man sich bislang um die Stadt gekümmert habe, müsse nun das Dorf bevorzugt werden.

Es ging dabei aber auch um den Versuch, durch eine Erschwerung der Wanderung in die Städte eine Förderung der Rückkehr in die ländlichen Gebiete zu bewirken, um die landwirtschaftliche Versorgung Italiens zu bessern. Mussolini kurbelte ein gigantisches Beschäftigungs- und Nahrungsgewinnungsprogramm an, das dem von Roosevelt eingefädelten New Deal glich.

In diesem Kontext entfaltete sich die Politik der Trockenlegung bislang lebensfeindlicher Landschaften und die damit verbundene Gründung von kleinen landwirtschaftlichen Zentren. Das Vorzeigeprojekt war die Urbarmachung der pontinischen Sümpfe südlich von Rom und die damit verbundene Gründung der Städte Littoria (Latina), Sabaudia, Pontinia, Aprilia und Pomenzia, aber es gab auch Stadtgründungen in den Kolonien Somalia, Äthiopien und Eritrea.

Wirtschafts- und sozialpolitisch basierte die Trockenlegung auf dem Wunsch nach Autarkie und der notwendigen Erhöhung der Getreideproduktion.

Im Jahr 1928 schuf die Politik ihre gesetzliche und finanzielle Grundlage dazu:

1 Mrd. Lira, davon 400 Millionen für den öffentlichen und 600 Millionen für den privaten Bereich, wurden seinerzeit von der Regierung zur Verfügung gestellt (der Wechselkurs damals: etwa 92 Lira zum Brit. Pfund und 20 Lira zum Dollar).

 

ARCHITEKTUR UND STÄDTEBAU

 Heute geht man von ca. 140 bis 150 Neugründungen an Dörfern und Städten nur innerhalb Italiens aus, je nachdem, ob man die kleinsten fragmentarischen Weiler dazurechnen will. Hinzu kommen die Stadtgründungen in den Kolonien und besetzten Gebieten Äthiopiens, Eritreas und Somalias.

Die Bildsprache der Architektur war zunächst vielfältig. An der langatmigen Debatte, die über den »einzig richtigen« Stil für den faschistischen Staat geführt wurde, beteiligten sich sowohl Traditionalisten um den Römer Marcello Piacentini wie auch die sogenannten Rationalisten der Gruppe 7 um den Norditaliener Giuseppe Terragni. Architekten, die der europäischen Moderne verbunden waren, bauten in den dreißiger Jahren fast genauso viel wie ihre historistisch gestimmten Kontrahenten.

Architektonisch einheitlich fielen die Ergebnisse indes nicht aus: Den Entwürfen war aufgegeben, drei widerstrebenden Kategorien – ruralità, modernità und italianità – zu gebautem Ausdruck zu verhelfen. So wurde traditionell ländlich und städtisch ebenso gebaut wie modern oder vereinfacht neoklassizistisch.

Die ganze Ambivalenz zeigt sich im Werk von Guiseppe Terragni: sein Mythos schwebt unverrückbar über der modernen Architektur Italiens. Als glühender Faschist realisierte er im Auftrag des Duce epochale moderne Entwürfe. Seine Casa del Fascio in Como (1932 bis 1936) ist ein raffiniertes Gebilde: ein kubischer Solitär, so präzise in den Stadtraum implantiert, dass seine Hauptfront gegenüber der Apsis des Domes platziert und auf die Sichtachse der wichtigsten Straße ausgerichtet war. Sticht der Bau schon aufgrund seiner klaren Form aus der ihn umgebenden Baumasse heraus, verhilft ihm die prominente Stellung gegenüber der historischen Stadt zu einer ungewöhnlichen Präsenz. Und manifestiert den Anspruch, das faschistische Regime vis-à-vis der Institution der katholischen Kirche zu etablieren.

Interessant bleibt, dass die Architektur aus der Zeit Mussolinis wie selbstverständlich in den Kanon der Geschichte aufgenommen und gleichzeitig in Gebrauch geblieben ist. Eine Loslösung, gar eine Verteufelung hat nicht stattgefunden, vielmehr wurde sie Teil des modernen Italiens, uneingeschränkt da, wo sie weiterhin gebraucht wurde.

 

LÄNDLICHER STÄDTEBAU – DIE BORGHI RURALE AUF SIZILIEN

Inmitten der hügeligen Landschaft Siziliens stehen Ansammlungen von Kuben mit glaslosen Fenstern. Diese kleinen, heute meist verlassenen Orte wurden im Zuge der Landreform im italienischen Hinterland angelegt. Diese borghi rurale, benannt nach faschistischen Helden, sollten eine Infrastruktur herstellen und gleichzeitig eine Art räumlicher und sozialer Ordnung etablieren. Die Großgrundbesitzer wurden gezwungen, ihr Land in 25 ha große Flächen zu parzellieren und an Bauern zu verpachten. Auf diese Weise sollten Mittelsmänner der Großgrundbesitzer ent-machtet werden, die uneingeschränkt und unkontrolliert über die Landbevölkerung herrschten und als Wiege der Mafia galten.

Dabei steht die skurrile Geschichte um das Borgo Mussolina im Mittelpunkt, stellvertretend für das gesamte Projekt des Faschismus in Italien, wenn nicht sogar für die jüngere Geschichte Italiens insgesamt. Es handelte sich dabei um ein Vorzeigeprojekt, zu dessen Grundsteinlegung der Duce persönlich 1924 Sizilien besuchte. Aus praktischen und finanziellen Gründen kam der Bau jedoch nach der Grundsteinlegung nur schleppend voran. Damit stellte sich ein ernstes Problem ein, wollte der Duce doch laufend Bilder vom Fortschritt des Projektes sehen. In seiner Not stellte der Lokalpolitiker Benedetto Fragapane ein fiktives Fotoalbum zusammen und konstruierte mithilfe der Fotografie einen in der Realität nicht existierenden Ort. Die Verantwortlichen zimmerten das geplante Antlitz des Dorfes aus Sperrholzkulissen zusammen…ein Schelm, der hier die Auswüchse diktatorischer Anmaßung wiedererkennen mag.

Die Borghi bestanden aus einzelnen Baukomponenten, locker um einen Platz gruppiert, mit ihrem Bauprogramm mit Funktionärswohnbauten, azienda-Direktion, Lagerhallen, Versorgungsbauten wie Lebensmittelvergabestellen, Sanitätsstation, Post und Wasserspeicher, sozial-edukativen Einrichtungen wie Kirche und Grundschule, häufig auch einer Casa del Fascio, Freizeiteinrichtungen etc., und gelegentlich einer Dienststelle der Carabinieri. Es gab unterschiedliche Typen von borghi, je nach Anforderung ausgelegt als Bauernschaft, Industriedorf oder Verwaltungseinheit.

Wenn eine Kirche errichtet wurde, was nur in den Dörfern geschah, bei denen es keine Vorgängerbauten oder erreichbare Einrichtungen in der Nähe gab, dann nahm diese städtebaulich eine zentrale Funktion in der Dorfanlage ein.

Für die Siedler selbst entstand als kleinste städtebauliche Einheit die sogenannte casa colonica, ein typisiertes Siedlerhaus unterschiedlicher Größe, um die Dorfneugründung herum angesiedelt.

Fast alle Dörfer liegen in höchst abgelegenen Gegenden in der weiten Landschaft Siziliens verstreut, teils nur auf unwegsamsten Feldwegen, und nahezu unpassierbaren Straßen erreichbar. Mehrfach mussten die Route gewechselt werden, manches Dorf war unauffindbar. Nicht nur zu Mussolinis Zeiten war Sizilien unterentwickelt, der stehende Begriff „südlich von Rom beginnt Afrika“ hat auf dieser Reise reichlich Nahrung gefunden.

Zumeist umgeben von atemberaubender Landschaft liegen die Borghi größtenteils auf Anhöhen und Bergkuppen, mit weitem Blick in die Landschaft und gezielt auch auf Fern- und Nahsichten hin entworfen und konzipiert. Es handelt sich keineswegs um „seelenlose“ Reißbrettstädte, denn trotz Ansätzen von Typisierung in Inhalt und Form sind sie immer wieder individuell, dennoch wiedererkennbar ähnlich einem zeitgeistlichen Architekturgeschmack folgend. Gerade die echten Borghi entwickeln dabei eine ungeahnte räumliche und gestalterische Qualität, die Proportionen von Platz zu Platzwand, die Orientierung der maßgeblichen und bestimmenden Gebäude, die Anlage der Straßen, all das hat bestechende städtebauliche und architektonische Qualität und verdient, beachtet und erforscht zu werden.

Die nachfolgende Auswahl von 8 besuchten Dörfern und Städten ist Ergebnis einer Exkursion zwischen den Jahren 2015/2016.

 

Bei Catania:

1. Borgo Franchetto

2. Borgo Baccarato – nur Nebengebäude

Bei Enna:

3. Borgo Antonio Cascino

4. Pergusa 

Bei Palermo:

5. Borgo Borzellino

6. Borgo Schirò

7. Borgo Fazio

8. Borgo Bassi östlich Ummari

 

BORGO FRANCHETTO

entstand auf Initiative der Gruppo Astrofili Catanesi als typisierte Ansiedlung der Kategorie „C“, mit vor allem sozial ausgerichtetem Charakter.Der Kern des borgo besteht aus drei miteinander verzahnten Gebäuden, einer Stiftskirche und einer Schule mit unmittelbar anliegendem Unterkunftsheim,sowie einem vierten Gebäude, einem Typenbau mit dem Grundrisstyp „L“, konzipiert als Wohnhaus.

1953 nimmt der Architekt La China das Projekt Franchetto wieder auf. Interessanterweise wird zwischen den 50er und 70er Jahren weiter an dem Konzept gearbeitet. Franchetto gilt heute als eines der homogenen Beispiele dieses Bautyps.

Es ist nach wie vor bewohnt, befindet sich meist in Privatbesitz, die Kirche ist heute Zentralkirche der umliegenden Weiler. Allerdings bleibt es ein Torso, ein wirkliches ländlich geprägtes Leben hat sich dort nicht eingestellt, es wird heute nur noch von zwei Familien bewohnt.

 

BORGO BACCARATO

1940 gegründet, war es eine Ansiedlung für die Familien der Bergleute der nahe gelegenen Schwefelmine Solfara Baccarato, die in den 70 Jahren stillgelegt wurde. Es entwickelte sich auch zu einem landwirtschaftlichen Zentrum, aber nach der Schließung entvölkerte sich die Ansiedlung zunehmend. Der Nucleus des Ortes ist der – so oder ähnlich auch andernorts konzipierte – Platz, umgeben von den Gebäuden des öffentlichen Lebens. Achten Sie auf die Proportionen, mir fiel auf, dass alle Dörfer eine ähnliche Platzgröße aufweisen und die Platzwände in Höhe und Maß auf diese Platzgröße abgestimmt sind. Zentrale Zeichen sind in der Regel die Kirche, und gegenüber die Casa del Fascio mit einem dem Kirchturm mindestens ebenbürtigen Turm.

Leider haben wir das Dorf selbst nicht besichtigen können, die Anlage ist heute verschlossen. In unmittelbarer Nachbarschaft hatte sich allerdings eine landwirtschaftliche Siedlung gegründet, die dem Dorf zugehörte und deren Ruinen heute – einen eigenartigen Reiz des Vergänglichen ausströmend – über dem Dorf thronen. Dort findet sich eine Erste-Hilfe-Station und vermutlich auch ein Gemeindehaus.

 

BORGO ANTONINO CASCINO

 Das Borgo Cascino, ca. 12 km von der Stadt Enna gelegen, erhebt sich 414 Meter über dem Meeresspiegel, in einer hügeligen Gegend im Herzen Siziliens. Gestaltet und entworfen wurde es von Giuseppe Marletta, einem Architekten aus Catania.

Das Borgo Cascino ist konzipiert, das Bild von „der ländlichen Gemeinde auf einem Berg“ zu malen: angelegt auf einem Hügel, mit einer Grundfläche von etwa fünfzehn Hektar. Das Dorf entspricht dem typisch faschistischen Architekturkanon mit einfachen Linien und strenger formaler Ausprägung. Die Architektur ist in Teilen einer Tradition der klassischen romanischen Herrschaftsarchitektur verpflichtet und zum Zwecke der Propaganda überarbeitet. Um den zentralen Platz gruppieren sich Kirche, Dorfschule, Post und Stadtturm, eine kleine Bar findet sich ebenfalls dort. Um die späte Vormittagsstunde liegt der Platz nahezu verlassen da, mutet de Chirico-haft an, lange Schatten und intensive Farben verschmelzen zu einer eigentümlich artifiziellen Aura. Es strahlt durchaus eine positive Ruhe, eine beinahe klösterliche Atmosphäre aus. Dennoch: das Dorf ist intakt, bewohnt, belebt, Kirche und Schule, aber auch Postamt und Verwaltungsgebäude sind nach wie vor in Betrieb.

 

PERGUSA

wurde bereits in der klassischen Antike von Ovid, Cicero und Anderen erwähnt, in der Nähe findet sich eine große Nekropole aus prähistorischer Zeit. Zur Entwicklung der bitterarmen, malariaverseuchten Gegend wurde der Ort 1937 von Mussolini neu gegründet. Er liegt oberhalb des gleichnamigen Sees. Heute ist Perusa vor allem als Tourismusort von Bedeutung, es gibt dort das Autodromo, auf dem schon Michael Schumacher und Eddi Irwin gefahren sind. Pergusa gehört zu den wenigen Orten, in denen sich nachzeitlich ein reges Dorf- und Stadtleben entwickelte. Es ist heute eine recht prosperierende Gemeinde, geprägt vom Tourismus und etwas Landwirtschaft.

Ziel der Neugründung seinerzeit war, neben der Umsetzung des landwirtschaftlichen Entwicklunsgplanes, den lokalen Bauern, Familien, die bisher in Hunderten von Höhlen am Rande der Provinzhauptstadt Enna hausten, eine neue Heimat und menschenwürdige Lebensbedingungen zu schaffen. Die damalige Landbevölkerung fristete ein erbärmliches Dasein am Rande bitterster Armut, die Landwirtschaft wurde mit mittelalterlichen Methoden betrieben. Mussolini hatte sich bei seinem ersten Sizilienaufenthalt 1923 entsetzt über diese Zustände gezeigt.

Das Bevölkerungswachstum des Villaggio Pergusa war nicht im Einklang mit den Erwartungen der Gründer, geplant für ca.1.500 Einwohner waren es 1953 in der Tat 278, und 548 im Jahr 1968. Erst heute hat die Stadt die geplante Größe von 1.500 Einwohnern erreicht, ja sogar leicht überschritten.

Bezeichnenderweise fiel beim Besuch des Duce anlässlich der offiziellen Einweihung prompt der gesamte Strom im Ort aus, so dass dieser, so wie die gesamte Honoratiorenschaft, bei Kerzenschein zu Bett gehen musste.

Am nächsten Tag, dem 15. August besuchte Mussolini die Einweihung des Dorfes Pergusa, übernahm persönlich symbolisch die Zuteilung der Häuser und wohnte der Trauung von 100 Ehepaaren in der neuen Kirche bei. Die Jungvermählten erhielten jeweils als „Mitgift“ einen Umschlag mit 500 Lira.

In etwas mehr als vier Jahren, bis zum Ausbruch des Krieges, wurde die Stadt mit dem Regierungspalast und mit einem Haus der Zünfte ausgestattet, es siedelte sich die Bank von Italien ebenso an wie das Justizgebäude mit angegliedertem Gefängnis. Es entstand eine Anti-Tuberkulose-Apotheke, eine Oper, ein Mutter-und Kindhaus und viele weitere öffentliche Einrichtungen. Daneben wurden zahllose Wohngebäude für Staatsbedienstete errichtet.

 

BORGO BORZELLINO
Progettista: G.Caronia e G.Puleo

Das Dorf, dessen Bau in den frühen 40er Jahren begann, wurde „Opfer“ der alliierten Landung im Juli 1943. Die Arbeiten an ihm wurde zusammen mit denen anderer borghi ab da an ausgesetzt.

Borzellino borgo war eines der Dörfer der Oberklasse, ausgestattet mit sämtlichen Einrichtungen, die ein Referenzdorf in dieser Gegend haben sollte. Das ursprüngliche Design wurde nach dem Krieg überarbeitet, die Arbeiten an den Gebäuden tatsächlich aber erst im Jahre 1955 beendet.

Wie bei anderen Dörfer auch war die gesamte Architektur konzeptionell gut entworfen, aber häufig schlecht konstruiert, statisch unterdimensioniert, mängelbehaftet, so dass es fast unmöglich war, dort zu leben. Diese Lebensbedingungen waren wenig zum Fortschritt geeignet; selbst der Bau einer Kirche wurde hier in der Gestaltung vergessen. Die letzte Bewohnerin scheint allerdings erst kürzlich das Dorf verlassen zu haben.

Heute ist das Dorf ist ein lebendes Paradoxon: Während im Laufe des Tages, mit der Autobahn, das entsprechende Hintergrundrauschen herrscht, bestimmen des nachts die Kuhglocken und die für eine Geisterstadt typischen Geräusche, mit den Klängen von Türen und Fenstern, Haken und Türenschlagen in Harmonie mit dem Wind das Klangbild.

 

BORGO SCHIRÒ

Progettista: G.Manetti Cusa

James Schirò Borgo ist ein kleines Dorf westlich Corleones, es gehört zur territorialen Verwaltungseinheit der Stadt Monreale.

Das Dorf liegt in den sanften Ausläufern des Alto Belice Corleone, in einem Gebiet mit stark landwirtschaftlicher Tradition (Obst, Weinbergen, Getreide), gekennzeichnet durch entfernt verstreute Häuser und Höfe.

Der Name zu Ehren James Schiròs geht zurück auf einen Militär albanischer Abstammung, in der Nähe Palermos gibt es noch heute einige Dörfer mit vorwiegend albanischer Bevölkerung und entsprechend auch albanischer Sprache.

Neben den Häusern der Bauern (etwa zwanzig) besitzt das Borgo eine Kirche mit angrenzendem Pfarrhaus, eine Grundschule, ein Lebensmittelgeschäft und eine Tabaccheria, eine Sanitätsstation, ein Laden für Kunsthandwerk, ein Restaurant und und einen Springbrunnen, ebenso ein Rathaus und eine Kaserne.

Borgo Schirò erlebte seine Blütezeit zwischen den vierziger und fünfziger Jahren als dynamische und lebendige Ansiedlung mit weit über 100 Einwohnern. 1942 wurde bereits über eine Dorferweiterung nachgedacht, mit Büros, Werkstätten, Tierklinik und weiteren Unterkünften. Wegen des Krieges wurden die Arbeiten jedoch nie gestartet.

In den späten fünfziger und frühen sechziger Jahren begann der Niedergang des Dorfes, es entvölkerte sich und fiel zunehmend der Vergessenheit anheim.

In den frühen siebziger Jahren entstand in Borgo Schirò eine surreale Atmosphäre mit einer noch einzigen Familie, die die Lebensmittel handelte, aber auch einem Priester, der weiterhin standhaft dort zum Feiern der Heiligen Messe die Kirche versorgte.

Wiederholt wurde das Dorf Ziel von Diebstählen und Raubüberfällen, der Ladenbesitzer gab schließlich auch auf und verließ mit seiner Familie das Dorf in Richtung Corleone. Der einzige, der weiterhin Widerstand leistete, war der Pfarrer, und das bis in die 2000er Jahre als einziger Bewohner von Borgo Schirò, aber er musste aufgrund des andauernden Diebstahls von Statuen, Möbeln und Gewändern und dem zunehmenden Vandalismus schließlich ebenfalls aufgeben und sich eine neue Pfarrei suchen.

Heute ist Borgo Schirò ein menschenleerer Platz mit einer Ansammlung leerer und heruntergekommener Häuser, besprühten Wänden und einstürzenden Strukturen von halb verfallenen Gebäuden. Die Vegetation holt sich den Ort langsam zurück.

 

AMERIGO BORGO FAZIO

 

entstand in der Nähe eines Kalksteinwerkes, in Panoramalage, in der Nähe der Stadt Paceco (TP), von dem Architekten Luigi Epifanio konzipiert. Auf fächerförmigen Grundriss, mit einem Quadrat im Zentrum und von den öffentlichen Gebäuden auf drei Seiten umgeben, öffnet es sich in Richtung der Landschaft auf der vierten Seite nach Norden. Es hat eine Kirche mit hoher, schmaler Fassade, ein Hotel, eine Trattoria, und andere Gebäude. 1942 wurde eine Dorferweiterung geplant, die jedoch ebenfalls mit der Invasion 1943 zum Erliegen kam. Heute ist es eine pittoreske Ruinenkulisse, höchst geeignet für den nächsten Regisseur von der Klasse eines Sergio Leone…

 

BORGO BASSI

Livio Bassi Borgo ist Teil der zweiten Gründungswelle von Dörfern, nach 1940 entstanden, eine Ortsgründung des Typ A. Das Projekt wurde von Ing. Domenico Sanzone geleitet und gehört im Gebiet um Ummari zu einer Reihe von Dorfgründungen des Faschismus, heute vor allem durch die Fotografien Johanna Diehls bekannt.

Was fehlt, im Vergleich zu dem ursprünglichen Plan, ist das Gebäude der medizinischen Ambulanz. Der Grund dafür ist rein wirtschaftlicher Art und ebenfalls zurückzuführen auf die Invasion der Alliierten im Juli 1943.

Was jedoch sofort ins Auge fällt ist der monumentale Eingangsbogen, einem römischen Triumpfbogen gleich. Nach den Absichten der Planer sollte dieser nicht nur eine ästhetische Funktion haben – als Gegenüber zur Kirche am Dorfplatz und als Glockenturm – sondern auch ganz praktisch als Wasserspeicher dienen. Vor der Landung der Alliierten im Jahr 1943 waren die wesentlichen Gebäude im Dorf bereits errichtet, mit der Ausnahme von Kirche, Pfarrhaus und Schule. Im Jahr 1945 wurden die Arbeiten wieder aufgenommen und bis zum Jahr 1961 in ihrer heutigen Form beendet. Bis auf die Kirche ist der Ort heute verlassen. Die Kirche, deren Gründungspfarrer ermordet wurde, dient heute noch der Messe für eine kleine Gemeinde. Borgo Bassi, eines der schönsten Dörfer überhaupt, ist vermutlich, wie viele andere auch, der unweigerlichen Zerstörung und dem Verfall preisgegeben.

 

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