Unser Beitrag zum Wettbewerb „Erweiterung des Sachsenturms in Köln“

Im Dezember 2017 wurden Bernhard Bramlage Architekten zur Teilnahme am Einladungswettbewerb „Erweiterung des Sachsenturms in Köln“, ausgelobt durch den gemeinnützigen Bauverein Sachsenturm e.V. der Kölner Blauen Funken, eingeladen.

GESCHICHTE:

Der Sachsenturm ist als Teil des erhaltenen ca. 100 m langen Teil-Stücks der ehemaligen Stadtmauer ein wichtiges historisches Zeugnis der Kölner Stadtgeschichte. Dieser Teil entstand im Wesentlichen zwischen 1180 und 1260. In den nachfolgenden Jahrhunderten wurde die Befestigungsanlage weiter entwickelt, ausgebaut und immer wieder neu gestaltet und diente über die Jahrhunderte der ehemals größten deutschen Stadt als erster Schutz gegen maro-dierende Horden, Räuberbanden und Raubritter; selbst nach der Französischen Revolution wurde noch Ende des 18., Anfang des 19. JH an den Befestigungsanlagen gebaut.

Geschützt wurden die Städte traditionell von ihren Stadtmilizen, Bürgerwehren und Stadtsoldaten. Deren Gemein-schaften lassen sich bis ins frühe Mittelalter hinein geschichtlich nachweisen, aus ihnen entwickelten sich in den späteren Jahrhunderten dann, als ihre Aufgabe der Stadtverteidigung zunehmend von regulären polizeilichen und militärischen Einrichtungen übernommen wurden immer mehr zu den heute noch bestehenden Bruderschaften oder Schützenvereinen. Häufig übernahmen diese dabei die durchaus militärischen Insignien, Strukturen und Hierarchien, signifikant in den Organisationsstrukturen der Vereine bis heute sichtbar und nachvollziehbar.

Interessanterweise lassen auch die Karnevalsvereine einen ähnlichen Bezug erahnen, auch hier wurden in der Zeit ihrer Gründung Anlehnung an die militärischen Traditionen gesucht. So auch bei den Blauen Funken von 1870. Sie sind eine Abspaltung der Roten Funken von 1823, und sie tragen in Ihrem Namen bis heute den Verweis auf diese Tradition: Kölner Funken Artillerie blau weiß von 1870 e.V. (Blaue Funken). Die Namensgebung ist als Reverenz an Preußen zu verstehen, denn im Jahr 1870 war das Jahr der  Reichsgründung. Funken hießen, bis zum Einmarsch der Franzosen 1794, die alten Kölner Stadtsoldaten. Die Blauen Funken tragen als Uniform die Kluft des preußischen Dragonerregiments Ansbach-Bayreuth.

Aus dieser langen Tradition heraus ergaben sich wichtige Entscheidungen bei der Gründung der „Blauen Funken“, die auch auf den vorliegenden Entwurf ausstrahlen:

         Die Wahl Farbe Blau

         Der Sachsenturm als Heimatgebäude des Vereins nach dem II. Weltkrieg

 

STÄDTEBAULICHE LÖSUNG UND DENKMALSCHUTZ:

Der Auslober wünscht sich ausdrücklich eine „sensibelste, städtebaulich und architektonisch beste und von allen Seiten getragene Lösung aus diesem Wettbewerb“. Dabei kommt der Stadtmauer mit den zwei Türmen die oben beschrieben besondere historische Bedeutung zu. Das ausgewiesene Baufeld und die sehr strikte städtebauliche Festlegung zeugen von einer intensiven vorausgegangenen Abstimmung zwischen den Beteiligten. Der Verfasser folgt diesen Vorgaben, nimmt sich jedoch die Freiheit, das ausgewiesenen Baufeld im Untergeschoss vollständig auszunutzen.

DENKMALSCHUTZ

Der oberirdische neue Baukörper steht unabhängig vom Altbau auf der dafür vorgesehenen Fläche. Eine barrierefreie Verbindung wird über eine „Zugbrücke“ hergestellt, die bei Bedarf vom Neubau aus Richtung Sachsenturm abgesenkt werden kann. Diese Brücke besteht aus einer Stahlkonstruktion mit einem motorischen Antrieb. Sie schafft damit die Möglichkeit sowohl der autonomen als auch der gemeinschaftlichen Nutzung beider Gebäude. Ein Aufzug im Neubau ermöglicht eine barrierefreie Verbindung. Auf die Ertüchtigung der barrierefreien Erschließung der Obergeschosse des Sachsenturms wird bewusst verzichtet, weil eine bauliche Ergänzung durch einen Aufzug am Turm aus Sicht des Verfassers architektonisch und denkmalpflegerisch nicht hilfreich wäre. Die neue Brücke will durchaus als augenzwinkerndes Zitat vergangener Befestigungs- und Verteidigungsgedanken verstanden werden.

ÖFFENTLICHE INTERESSEN

Der heutige Landschaftsraum mit seinem Grüngürtel konnte entstehen, weil die historischen Befestigungsanlagen und ehemaligen Verteidigungsgräben geschliffen und zugeschüttet wurden. Historische Fotos der JH.-Wende zeigen, dass es hier ursprünglich schon eine Nachnutzung als Wasserfläche mit umschließenden Füßgängerpromenaden gegeben hatte. Der Entwurf will darauf verweisen, dass es durchaus eine langfristige Entwicklungsmöglichkeit und eine Qualifizierung des Außenbereichs auch unter dem Aspekt einer Freilegung dieser historischen Wasserflächen geben könnte. Für die Umsetzung des Entwurfes ist das jedoch nicht zwingend.

Die Verlagerung beider Veranstaltungssäle in das Souterrain und die vollständige Einbettung unter die Grasnarbe erlaubt es einerseits, diese Grünfläche zunächst weitestgehend wieder herzustellen. Zudem bietet sie dem Verein die unschätzbaren Vorteile einer möglichen Zusammenlegung beider Säle zu einem großen Veranstaltungsraum. In Kombination mit dem Altbau eröffnen sich somit vielfältige neue und andere Nutzungsmöglichkeiten.

ARCHITEKTUR, GESTALT, NUTZUNG:

Ziel des Entwurfes war es, eine Autarkie des Neubaus herzustellen; einerseits, um beide Gebäude zu unterschied-lichen Anlässen miteinander kombinieren zu können, andererseits um sie energetisch und inhaltlich so weit trennen zu können, dass zukünftige Entwicklungen vorausschauend mitgedacht werden können. Dabei will das Haus Leich-tigkeit und Transparenz ausstrahlen, ohne den Wunsch nach Heimat, Geborgenheit und Intimität zu unterlaufen. Der dreigeschossig aufragende Baukörper übernimmt die dienenden Funktionen mit Verwaltung, Versorgung und Lagerung sowie Empfang. Der Eingangsbereich als Visitenkarte des neuen Hauses (annähernd auf Gehweghöhe gelegen) ist Foyer und weiterer Veranstaltungsraum. Von hier aus erschließen sich über großzügige offene Treppenanlagen die unteren Veranstaltungsräume sowie die Nutz- und Garderobenräume im 1.OG. Im zweiten OG findet sich die Verwaltung mit ihren notwendigen Nebenräumen.

Auf einem massiven Sockel aus Blaubasalt entwickeln sich drei Geschosse oberhalb des Erdreichs als transparente, aber palisadenumschlossene Kubatur aus metallenen Lamellen. Die Transparenz verändert sich je nach Standort des Betrachters, in der Fernwirkung wirkt das Haus durchaus geschlossen, fast wie ein Bestandteil der ehemaligen Befestigungsanlagen; im Näherkommen wird es zunehmend lichter, offener, durchsichtiger. Von Innen nach Außen verhält es sich ähnlich, der direkte Ausblick ist von allen Räumen gegeben, aber die Raumwirkung verändert sich je nach Standort und Blickwinkel. Die Nutzungsbereiche sollen durchaus offen gestaltet sein; so könnten beispielsweise die Verwaltungsbereiche weitestgehend als Open-Spacelösung entwickelt werden; gleiches gilt für das Foyer. Garderoben und Lagerbereiche dürften z.B. wie eingestellte Möbel entwickelt werden.

Im Veranstaltungsbereich des Souterrains kehrt sich der Gedanke von Offenheit nach innen. Hier, wo die großen Feste stattfinden, hier wird es intim, geschützt, hier ist man unter sich. Die beiden Säle liegen nebeneinander, getrennt nur durch eine flexible Wand, so dass bei Bedarf auch ein großer Veranstaltungsraum entstehen kann. Die Küche ist beiden Sälen vorgelagert, von hier aus kann direkt in die Säle hinein bedient werden. Die Räumlichkeiten werden hell gestaltet, die Böden und Wandflächen sind aus hellem Eschenholz gearbeitet, aus der Decke dringt weich gefiltertes Tageslicht in die Festräume. Es darf angenommen werden, dass sich Fundamentreste der ehemaligen Befestigungsanlage finden. Diese können unter Maßgabe des Denkmalschutzes behutsam in die Neuplanung eingefasst werden. Denkbar ist sogar, dass die Saalwand zum Eingang hin aus z.T. restauriertem Stadtmauerrest besteht.

Eine Verbindung zwischen allen Geschossen bildet die offen angelegte Treppenfolge in einem großzügig in die Geschossebenen eingeschnittenen Gesamtgefüge. Ein Aufzug und ein Fluchttreppenhaus koppeln alle 4 Ebenen.

NACHHALTIGKEIT UND ENERGIEEFFIZIENZ

Als Energieträger wird die am Sachsenring vorhandene Fernwärme gewählt. Das versorgende Kraftwerk ist nach Angabe der Rheinenergie mit dem Primärenergiefaktor 0 zertifiziert, damit ist dieser Energieträger die nachhaltigste Lösung am geplanten Standort. Es ist eine Betonkernaktivierung geplant, die Räumlichkeiten können so bei Bedarf beheizt oder gekühlt bzw. zu jeder Jahreszeit ein gleichbleibendes Klima gewährleistet werden. Das Dach des auf-stehenden Gebäudes erhält auf seiner Südseite eine PV-Anlage. Zur Verbesserung des sommerlichen Wärmeschutzes kann eine Absorptions-Kältemaschine für die sommerliche Spitzenlast zum Einsatzt kommen.

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